Thesen zum sogenannten "Islamischen Staat"

June 07, 2015  •  Kommentar schreiben

 

Zehn Thesen zum sogenannten "Islamischen Staat" in Syrien und dem Irak

 

  1. Der Aufstieg des "Islamischen Staates" (IS) war nicht seiner organisatorischen oder militärischen Stärke geschuldet - diese waren das Ergebnis seines Aufstiegs. Seit der Eroberung großer Teile des Nordens und Westens des Iraks allerdings ist er allerdings zu einem starken Machtfaktor aufgestiegen.
  2. Der Aufstieg des "Islamischen Staates" war nur möglich, weil er ein politisches Vakuum füllen konnte, was auch mit relativ geringen Kräften möglich war.
  3. Dieses Vakuum entstand, weil es in Syrien und dem Irak spätestens ab 2011 keine legitime Staatlichkeit mehr gab. In Syrien war dies die Folge des Bürgerkrieges, im Irak das Ergebnis der US-Besatzungspolitik und der desaströsen Politik von Ministerpräsident Maliki.
  4. Im Irak hatten die Wunden des konfessionalisierten Bürgerkrieges aus Folge der US-Besatzungspolitik in den Jahren von 2007-2010 vorsichtig zu heilen begonnen. Zur Stabilisierung und Ausdehnung seiner persönlichen Macht betrieb der damalige Ministerpräsident Maliki nach seiner Wahlniederlage von 2010 eine scharfe Politik der Rekonfessionalisierung, die insbesondere die arabischen Sunniten marginalisierte und dem späteren "Islamischen Staat" (früher "Al Qaida im Irak") wieder in die Arme trieb.
  5. Der syrische Bürgerkrieg entwickelte sich von einem Aufstand der Gesellschaft gegen die Praktiken der Diktatur (Stagnation, Korruption, Repression, etc.) über die Fragmentierung und Konfessionalisierung der Gesellschaft und des Krieges zu einem Failed State, in dem Jihadismus insgesamt und der "Islamischen Staat" im Besonderen sich unter Treibhausbedingungen entwickeln konnten.
  6. Der "Islamischen Staat" ist keine primär religiöse, sondern eine politisch-religiöse Aufstandsbewegung, die in die Phase der Staatsbildung eingetreten ist. Ihn als "Terrororganisation" zu bezeichnen, stellte eine Verharmlosung dar. Ihre Stärke besteht gerade darin, auch säkulare und nationalistische Offiziere und Funktionäre der ehemaligen Baath Partei Saddam Husseins auch in Leitungsfunktionen einzubeziehen.
  7. Sein brutaler Extremismus verschafft ihm taktische Vorteile bei der Machtgewinnung und kurzfristigen Machtsicherung, birgt aber strategische Risiken bei der dauerhaften Etablierung und der Staatsbildung, da sie die lokale Basis auf Dauer entfremden kann.
  8. Die ausländischen (also nicht-irakische und nicht-syrische) Kämpfer, insbesondere aus Nordafrika, von der Arabischen Halbinsel und aus Westeuropa, machen inzwischen rund die Hälfte der Kämpfer des "Islamischen Staates" aus, was erneut taktische Vorteile bietet, da diese in besonderem Maße von der Kontrolle durch die Führung abhängig sind und kaum einheimische Wurzeln haben. Für die angestrebte Staatsbildung sind sie durch ihre Fremdheit und überdurchschnittlichen Extremismus allerdings auf Dauer eine Belastung.
  9. Der bisherige Erfolg des IS bei der Rekrutierung in Westeuropa ist vor allem seiner Radikalität, seinem spektakulären Erfolg und seiner Praxis öffentlicher, propagandistischer Gewalt geschuldet, nicht seiner (begrenzten) theologischen Besonderheit. Die typischen Rekruten aus Deutschland (in gewissem Unterschied zu einigen anderen Ländern, etwa Großbritanniens) sind überwiegend männlich, verfügen über gebrochene Biographien (geringes Bildungsniveau, oft abgebrochene Ausbildung, kleinkriminelle Karrieren, "loser"- Typen), die aus der Jämmerlichkeit ihrer Existenz ausbrechen wollen und nach Bestätigung, Männlichkeit, Bedeutung und Sinnstiftung suchen. Es sind klassische Rechtsradikale mit kulturell angepasster Ideologie.
  10. Die Zukunft des "Islamischen Staates" hängt vor allem davon ab, ob es ihm gelingt, auf Dauer von den arabischen Sunniten akzeptiert zu werden. Sobald die arabischen Sunniten sich abwenden, bräche der "Islamischen Staat" relativ schnell zusammen und sänke auf das Niveau einer Terrorbande zurück, wie dies 2007/2008 bereits "Al Qaida im Irak" widerfuhr. Militärische Mittel sind nur aussichtsreich, wenn der IS seine soziale Basis verliert und die Staatlichkeit in Syrien und dem Irak einen legitimen und wirksamen Charakter annimmt.

Jochen Hippler

 

 


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