Islamischer Extremismus und Europa

January 08, 2015  •  Kommentar schreiben

Es hat also wieder einen Terroranschlag gegeben, diesmal in Paris. Das Entsetzen ist groß, auch bei mir. Vielleicht stört es mich ein wenig, daß solche brutalen Terrorakte bei uns in Europa oder den USA immer mehr Empörung auszulösen scheinen, als wenn sie in Ländern wie Pakistan stattfinden, wo noch vor kurzem mehr als 150 Menschen in einer Schule massakriert wurden, die meisten davon Kinder. Oder im Irak, im Yemen oder sonstwo im Nahen und Mittleren Osten, wo die Gewalt von vielen Europäern wohl für eine Art von Folklore gehalten wird. Da wünschte ich mir schon, daß Menschenleben nicht an unterschiedlichen Maßstaben gemessen würden, wenn gewalttätige Verbrecher Massenmorde begehen. Aber das ist hier eigentlich nicht mein Punkt, auch wenn es nicht aus den Augen geraten sollte.

Bedeutsam hier scheint mir zu sein, daß wieder Einheimische, wieder in Europa (diesmal in Frankreich) geborene Täter für das Massaker von Paris verantwortlich waren. Extremistische Muslime, aber hausgemachte. Also keine importierten Gewalttäter, sondern europäische, wenn auch mit gebrochener Identität, wie sicher angenommen werden darf. Hier geboren, aber fremd, Leute, die sich ihre Wut religiös zurechtinterpretieren, um sie sich verständlich zu machen und zu rechtfertigen, und um sie ausleben zu können. Gewalt braucht Begründung. Auffällig scheint mir zu sein, daß sich die Biographien europäischer "Jihadisten" und die junger europäischer Rassisten und Faschisten oft erstaunlich ähneln. Perspektivlosigkeit, Frustration, Identitätsbrüche, Neigung zu Gewaltlosigkeit und zur Vergötzung eines pubertären Bildes von Männlichkeit. Das kennen wir gut von großen Teilen der Nazi- oder der Hooligan-Szene, der deutschen und europäischen Rechtsradikalen insgesamt. Die Ideologie dient hier nur dazu, die eigene Jämmerlichkeit vor sich selbst zu verbergen, sich als "stark" und "rein" empfinden zu können - eigentlich dient sie als Krücke. Aber die Frustration und Wut gehen ihr voraus, sind die Basis, auf der selbst ideologische Kartenhäuser noch als feste Burgen erscheinen.

Die islamisch oder islamistisch geprägten Fanatiker und Gewalttäter sollten wir nicht so sehr als "religiös" verstehen, das wäre zuviel der Ehre. Es sind eigentlich nur ordinäre Rechtsextreme, denen aus ethnisch-kulturellen Gründen der Weg zum Rassismus und Neofaschismus ziemlich schwer fallen muß. Arabisch- oder Türkischstämmige jugendliche (oder junge) Gewalttäter können kaum für die "arische Rasse", das "Reine Deutschtum" oder ähnliches europäisches Kulturgut randalieren oder gar töten, sie können schwerlich "Ausländer raus" gröhlen. Ihr selbstgebastelter Jihadismus muß diese Lücke füllen, und erfüllt sie. Aber im Kern sind solche Gewalttäter klassische Rechtsradikale - nur kulturalistisch religiös gestrichen. Und deshalb sollten sie auch genauso behandelt werden.

Aber das zuzugeben würde ja bedeuten, daß wir deren Gewalt und ihre Täter nicht psychologisch exportieren könnten. Sehen wir die Verbrecher zuerst als "Muslime", dann ist die Gewalt nicht unsere, sondern fremd. Dann hilft Abgrenzung, Ausgrenzung. Gäben wir uns zu, daß diese oft verkrachten Gestalten nichts anderes sind als europäisch sozialisierte Rechtsextremisten mit einer an die Zielgruppe angepaßte Ideologie - dann wäre nicht zu verdrängen, daß es sich um ein Problem unserer Gesellschaft handelt. Sozusagen um den NSU, der ohne blondes Deutschtum auskommen muß.


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