Gehört der Islam zu Deutschland?

January 23, 2015  •  Kommentar schreiben

Die Bundeskanzlerin sprach im Anschluß an den früheren Bundespräsidenten Wulf davon, daß der Islam zu Deuschland gehöre. Jetzt ist die Empörung oder Verstörung groß - nicht nur bei PEGIDA und AfD, sondern auch in ihrer eigenen Partei und bei der CSU.

Aber politische Einwände werden in der Regel von politischer Zweckmäßigkeit bestimmt, nicht immer von sachlicher Richtigkeit. Gehört also der Islam zu Deutschland, oder gehört er nicht? Und was soll es eigentlich bedeuten, zu einem Land "zu gehören"?

Was gehört also zu Deutschland? Berge, Bäume, Autobahnen, seine Einwohner, Rindviecher, Museen, die Bundeswehr, die Bildzeitung und die PEGIDA. Daran ist nicht zu zweifeln, genau so wenig wie in Bezug auf so viele andere materielle Dinge. Aber was ist mit Ideologien, Gedanken und religiösen und spirituellen Konstrukten? Gehören diese ebenso "zu Deutschland" wie seine Autos und seine Fußball-Nationalmannschaft? Das ist nicht so leicht zu entscheiden wie es scheint. Die bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) findet, daß "der Islam" nicht dazugehören, weil "Deutschland ist ein christliches Land" sei. Andere Politiker sprechen von einem "jüdisch-christlichen" Deutschland. Nun ist nicht zu bestreiten, daß das Christentum (und im wesentlich geringerem Maße das Judentum) historisch sehr wichtigen Einfluß auf ganz Europa hatte. Aber es müssen doch drei Anmerkungen gemacht werden:

Erstens gibt es durchaus bedeutsame kulurelle Einflüsse aus der muslimischen Welt, schon lange vor der Einwanderung der letzten 50 Jahre: Mathematik, Medizin und Philosophie haben Europa (auch Deutschland) zuerst aus den arabisch-muslimischen Ländern erreicht - selbst die klassischen griechischen Philosophen der Antike wurden im muslimischen Spanien und anderen Teilen des muslimischen Welt gepflegt, bevor sie von dort nach Europa zurückgelangten. Aber das ist hier nebensächlich.

Zweitens allerdings ist die Aussage, daß Deutschland "ein christliches Land" sei, ausgesprochen absurd. Zumindest ist mir davon in den letzten Jahrzehnten nichts aufgefallen. Neben sehr großen Bevölkerungsteilen, die inzwischen religiös völlig gleichgültig, un- oder antireligiös sind, vielen Menschen, die aus den christlichen Kirchen ausgetreten sind, haben sich selbst sehr viele Christen (im Sinne von Kirchenmitgliedern) weit vom christlichen Glauben entfernt. Daß das Christentum oder ihre Kirchen die deutsche Gesellschaft oder Politik bestimmten, wäre eine unsinnige Vorstellung, die mit der Realität nichts gemein hat. Das Christentum ist eine geistige Strömung in Deutschland neben vielen anderen, und bei weitem nicht die wichtigste.

Drittens ist die Formulierung vom "christlichen" Deutschland weniger eine Beschreibung der Realität, sondern vor allem der Versuch, andere Identitäten auszugrenzen. Sie unterstellt, daß "der Islam" nicht "zu Deutschland gehöre", weil dies ja vom Christentum bestimmt werde. Die kulturellen Einflüsse des Christentums, Judentums, des Islam, Marxismus, der Aufklärung, des Rassismus, Faschismus, Stalinismus, des zweckrationalen, utilitaristischen Denkens und anderer Denkrichtungen werden nicht in ihrem pluralistischen und konkurrierenden Zusammenspiel wahrgenommen, sondern bis auf das Christentum entwertet. Entweder gehören alle diese Denkströmungen "zu Deutschland", oder keine.

Es wäre unsinnig, was "zu Deutschland gehört" nach persönlichem Geschmack aussuchen zu wollen, wie es gegenwärtig in Mode ist. Rassismus, Nationalismus und Faschismus haben in den letzen hundertfünfzig Jahren eine wichtige Rolle gespielt und die Gesellschaft mitgeprägt. Gehören Sie deshalb "zu Deutschland"? Eigentlich ja, aber das wird kaum jemals erwähnt. Entweder gehört alles das "zu Deutschland", auch wenn uns davon vieles nicht gefällt. Oder man blendet alle geistigen Strömungen aus, die ja ohnehin auch zu anderen Ländern "gehören" und beschränkt sich auch die hier lebenden Menschen. Dann gehören Christen, Juden, Muslime, Areligiöse, Atheisten, Gemüsehändler, Arbeitslose, Politiker und andere Gruppen "zu Deutschland" - und ob und in welchem Maße die Christen wirklich christlich, die Muslime wirklich islamisch sind, wäre dann ihre Privatsache. Gerade in eine säkularen Gesellschaft sollte es selbstverständlich sein, die Angehörigen eines bestimmten religiösen Bekenntnisses nicht auf dessen Theologie zu reduzieren. Identitäten sind immer komplexer und nie eindimensional - auch die Muslime in Deutschland sind keine Theologiemaschinen, sondern Menschen mit vielfältigen, auch wiedersprüchlichen Identitätselementen.

Sie gehören zweifellos zu Deutschland, Islam hin oder her.

 


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